Riesenproblem Schulabsentismus

Die versteckte Krise: Immer mehr Grundschüler fehlen häufig

Kannte man das Schuleschwänzen bisher eher von weiterführenden Schulen, so weitet es sich jetzt auch an Grundschulen aus. Für die Kinder hat das gravierende Folgen.

Hamm – Knapp ein Drittel ihrer Schüler kommt regelmäßig nicht zum Unterricht, schätzt Cornelia Lagoda. Sie leitet die Hermann-Gmeiner-Schule, eine Grundschule im Hammer Westen. Schulabsentismus nennt sich das Problem, bisher bekannt vor allem an weiterführenden Schulen. Doch nun hat sich das Problem auch an den Grundschulen verschärft. 3,6 Prozent der Grundschüler haben 100 unentschuldigte Fehlstunden oder mehr, so steht es im jüngsten Bericht „Faktencheck Bildung“. Im Vorjahr lag die Zahl bei 0,9 Prozent.

„Für die Kinder hat das gravierende Folgen“, sagt Lagoda. „Die Kinder lernen nicht lesen, schreiben, rechnen. Viele sind nicht gruppenfähig, soziale Kontakte bleiben auf der Strecke.“ Fast alle Betroffenen wiederholten ein Schuljahr.

Ein Grund für die stark gestiegenen Zahlen liegt darin, dass es Schüler und Schülerinnen sind, deren Eltern nicht den Wert von Bildung erkennen.

Tom Herberg, Stadtsprecher

Ihre Schule ist nicht die einzige in Hamm mit dem Problem – ob und wie ausgeprägt es ist, unterscheidet sich aber stark. Es liegen keine Zahlen für alle Schulen vor, an der Umfrage für den „Faktencheck Bildung“ beteiligten sich nur 20 der 27 Grundschulen.

Schwierige Situation: Die Zahl der Kinder mit vielen unentschuldigten Fehlstunden ist deutlich gestiegen.

Die Gründe seien vielfältig, heißt es aus der Pressestelle der Stadt Hamm. „Ein Grund für die stark gestiegenen Zahlen liegt darin, dass es Schüler und Schülerinnen sind, deren Eltern nicht den Wert von Bildung erkennen und die Notwendigkeit des Schulbesuchs nicht sehen“, erklärt Stadtsprecher Tom Herberg. So unterschiedlich wie die Gründe müssten auch die Lösungsansätze sein.

Bußgeld von 250 Euro bringen nur selten eine Veränderung

Die Verantwortung liege klar bei den Eltern, sagt Lagoda: „Man kann von einem sechs oder sieben Jahre alten Kind in der ersten Klasse nicht erwarten, dass es selbstständig aufsteht und sich auf den Weg macht.“ In ihren ersten Klassen sei das Problem größer als bei den Älteren. Einige der Dritt- und Viertklässler machten sich doch schon eigenständig auf den Weg in die Schule.

Fehlt ein Kind unentschuldigt, erhält die Familie eine erste und zweite Mahnung. Bei der dritten muss die Schule das Schulamt informieren, das ein Bußgeld verhängen kann. 250 Euro pro Elternteil können fällig werden.

Doch Bußgelder sind selten. 7000 Grundschüler gibt es in der Stadt, wenn 3,6 Prozent von ihnen oft fehlen, sind das etwa 250. Allein an der Hermann-Gmeiner-Schule sind mehr als 100 Kinder betroffen. Lediglich 47 Bußgelder wurden wegen unentschuldigter Fehlstunden an Grundschulen verhängt.

Allerdings bringen die Bußgelder nach Einschätzung der Schulleiterinnen Lagoda und Gudula Grundel von der Ludgerischule im Hammer Norden ohnehin nur selten den Durchbruch. Viele Kinder fehlten weiterhin.

Schule ergreift ein Bündel an Maßnahmen, damit die Kinder regelmäßig kommen

Etwa jedes sechste Kind fehlt an der Ludgerischule häufig unentschuldigt, schätzt Grundel. Sie verbucht das als Erfolg. „Das waren früher mehr.“ Ihre Schule hat ein Bündel von Maßnahmen ergriffen, damit mehr Kinder regelmäßig kommen.

So geht morgens eine Mitarbeiterin durch die Klassen und prüft: Wer ist da, wer fehlt unentschuldigt? Fehlen Kinder, ruft sie die Familien an. Manchmal schlafen Eltern und Kinder noch, dann werden Kinder doch noch eilig geschickt. „Manchmal ist es einfach Unbedarftheit“, sagt Grundel. „Einigen Familien ist gar nicht klar, dass es wichtig sein könnte, ihr Kind in die Schule zu schicken.“

Grundschule bezieht Jobcenter in die Planungen ein

Schwänzen Kinder häufiger, versuchen Kollegium und Schulsozialarbeit die Gründe zu erforschen. Außerdem fordert die Schule ärztliche Atteste, wenn Eltern nachträglich oder sehr häufig erklären, ihre Kinder seien krank gewesen.

Grundel sagt, dass das Problem in Familien mit ganz unterschiedlichen Hintergründen besteht. Auch an anderen Grundschulen heißt es, dass das Problem neben Kindern mit Migrationshintergrund auch Kinder ohne betreffe.

Fehlzeiten häufen an der Hermann-Gmeiner-Schule oftmals Kinder an, die mit ihren Familien in den letzten Jahren aus Südosteuropa eingewandert sind, sagt Lagoda. Ihre Schule arbeitet deswegen seit kurzem mit dem Jobcenter zusammen: Bezieht eine Familie Sozialleistungen und keiner der Elternteile arbeitet oder war länger als fünf Jahre in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt, gibt es die Leistungen nur, wenn schulpflichtige Kinder eine Schule besuchen. Fehlen die Kinder unentschuldigt, kann das Jobcenter die Leistungen kürzen. Dies habe man einigen Eltern klar gemacht. Daraufhin seien die Kinder erschienen.

Lieber wären Lagoda allerdings andere Wege: Wenn Kinder wie die Dritt- und Viertklässler selbst merken, dass ihr Leben mit Schule besser ist als ohne. Außerdem wünscht sie sich eine Art Abholdienst, der morgens bei betroffenen Familien klingelt und die Kinder in die Schule begleitet. „Wir wissen ja, welche Familien das sind.“

Rubriklistenbild: © dpa

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