Experten geben Einschätzung

War Amoklauf an HSHL vermeidbar? Quälende Fragen und die Suche nach Antworten

Eine 30-jährige Frau ist tot, drei weitere junge Menschen wurden schwer verletzt. War die Amoktat an der HSHL vermeidbar? Haben Behörden und Ärzte im Vorfeld versagt? Wie viele weitere Menschen mit Wahnvorstellungen laufen in Hamm eigentlich herum und sind vermeintlich tickende Zeitbomben? All diese Fragen beschäftigen die Menschen in Hamm seit nunmehr einer Woche. Der Versuch einer Aufarbeitung.

Hamm – Dass der 34-jährige Beschuldigte psychisch krank war, ist offensichtlich und unbestritten. Im April meldete er sich bei der Hammer Polizei und berichtete von seinen Wahnvorstellungen. Auch bei anderen Polizeibehörden soll er vorgetragen haben, dass er sich und seine Eltern verfolgt sehe. Zu einer Einweisung kam es nicht – eine Eigen- oder Fremdgefährdung wurde nicht attestiert.

Täter wollte oder sollte eigentlich zu den Eltern reisen

Zwei Tage vor dem Amoklauf an der Hochschule versuchte sich der Mann dann den Schädel an einer Mauer einzuschlagen. Er kam in die Psychiatrie des Marienhospitals und wurde dort behandelt. Nach WA-Informationen wurde der 34-Jährige dann am Freitag regulär entlassen. Er soll zuvor mehrfach von den Ärzten und Therapeuten exploriert worden sein.

Geplant und mit ihm abgesprochen soll gewesen sein, dass er sich zu seinen Eltern, die außerhalb Hamms wohnen, begeben werde. Auch das Ticket soll er da schon gehabt haben.

Experte: „Ein falscher Blick kann ausreichen“

Doch statt zu seien Eltern zu fahren, begibt sich der Beschuldigte offenbar in die Stadt und kauft sich die beiden Messer. „Ein falscher Blick, irgendein Trigger kann ausgereicht haben, um den Tatentschluss zu fassen“, sagt ein erfahrener Psychiatrie-Experte dem WA. Bei seiner Entlassung aus der Klinik könne der Mann komplett ruhig und innerlich aufgeräumt gewesen sein. Dann komme es zu der fatalen Begegnung, eben dem Trigger-Erlebnis.

Auf dem Weg von der Klinik zur Innenstadt kommt man fast zwangsläufig am HSHL-Gelände vorbei. Der 34-Jährige hatte nicht weit davon sein Appartement. Auch auf dem weiteren Weg zum Bahnhof kann es zu einer auslösenden Begegnung oder einem auslösenden Moment gekommen sein.

Amoktat: Marienhospital kann (und darf) sich nicht äußern

Das Marienhospital kann (und darf) sich nicht zum Einzelfall äußern. „Wir haben uns dahingehend besprochen, dass wir davon ausgehen, im Rahmen der Ermittlungen und des Prozesses als Zeugen zur Aufklärung beitragen zu können. Deshalb und aus den Bedenken, die sich aus der ärztlichen Schweigepflicht ergeben, können wir selbst zum jetzigen Zeitpunkt keine öffentliche Stellungnahme abgeben und bitten dafür um Verständnis“, teilte eine Kliniksprecherin auf WA-Anfrage mit.

Ein Prozent der Menschen in Deutschland sollen laut psychiatrischer Studien an einer schizophrenen Krankheit leiden. Das wären 800.000 Personen. Ein wesentliches Instrument, um Menschen in psychischen Notlagen gegen ihren Willen in eine Psychiatrie einzuweisen, ist in NRW das Psychisch-Kranken-Gesetz (PsychKG). Bedingung für eine Einweisung ist, dass die Betroffenen sich selbst oder das Leben Dritter gefährden. Die Hürden hierfür sind hoch.

Jährlich gut 200 Einweisungen nach PsychKG in Hamm

Wie die Stadtverwaltung auf WA-Anfrage mitteilte, werden in Hamm jährlich gut 200 Einweisungen nach PsychKG veranlasst. Die Zahlen seien zwischen 2018 und 2021 „sehr konstant“ gewesen und entsprächen „dem üblichen Jahresmittel“, heißt es aus dem Rathaus. Zwischen 205 und 238 Einweisungen seien in den vergangenen Jahren veranlasst worden.

Ein Corona-Effekt scheint demnach nicht erkennbar zu sein. Mehrfach-Einweisungen ein und dergleichen Person sind möglich, so dass gut 200 Einweisungen pro Jahr nicht bedeuten, dass gut 200 Personen pro Jahr eingewiesen werden. Deren Zahl dürfte kleiner sein.

„Die Einweisung führt die Feuerwehr durch. Grundlage ist immer ein ärztliches Gutachten, das die Einweisung erforderlich macht. Innerhalb von 24 Stunden muss die Einweisung nach PsychKG richterlich bestätigt werden“, erklärt Stadtsprecher Lukas Huster die Grundsätze.

Straftäter werden nicht an der Knappenstraße behandelt

Patienten-Einweisungen nach PsychKG führen in Hamm zur Behandlung im Marienhospital an der Knappenstraße. Dort gibt es aber keine forensisch-psychiatrische Abteilung.

Das heißt: Patienten, die im Zusammenhang mit einer psychiatrischen Erkrankung eine Straftat begehen, werden dort nicht behandelt. Auch der 34-jährige Beschuldigte von der HSHL befindet sich nunmehr außerhalb Hamms in einer forensischen Psychiatrie.

Anwohner fürchten nun Nachahmer-Effekte

„Niemand kann oder will uns helfen.“ Das sagte Anfang der Woche ein Mann aus Hamm, in dessen Umfeld ein Mensch mit Wahnvorstellungen lebt, unserer Redaktion. Mehrfach seien Polizei und Feuerwehr schon angerückt, wenn der Betreffende wieder randaliert und rumgeschrien habe. „Mitgenommen wurde er nie.“

Er selbst habe nun Angst, dass sich der offensichtlich psychisch kranke Mann in seiner Nachbarschaft die Tat an der HSHL zum Vorbild nehme und auf die Menschen in seinem Umfeld losgehen werde. Bei der Polizei sei er gerade gewesen, dort habe man ihm gesagt, dass man nicht groß helfen könne. Sollte es zu Ruhestörungen kommen, solle er die 110 oder die 112 wählen.

Statistiken, wie häufig es in Hamm zu „Psycho-Einsätzen“ kommt, werden bei der Polizei nicht geführt. Das sagte deren Sprecher Malte Gerwin auf WA-Anfrage. Auch eine grobe Schätzung wollte die Polizei nicht abgeben.

Fachmann Juckel: „Im Moment häuft es sich“

Amoktaten wie die an der HSHL würden statistisch gesehen nicht häufiger von psychisch Kranken als von psychisch Unauffälligen Personen verübt, sagt Prof. Dr. Georg Juckel von der Ruhr-Uni Bochum. Er leitet dort die LWL-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin.

„Im Moment häuft es sich allerdings. Berlin, Dortmund und auch Hamm: Man hört es überall“, so der Mediziner. Das Phänomen der Trittbrettfahrer sei unter psychisch kranken Amoktäter allerdings eher nicht zu beobachten. „Der Nachahmer-Effekt ist eher gering.“

Kann ein Krisenhaus Abhilfe schaffen?

Juckel appelliert an das Umfeld von psychisch kranken Menschen, sehr intensiv hinzuschauen und frühzeitig präventive Schritte einzuleiten. Ansprechpartner sei zunächst der Sozialpsychiatrische Dienst, den es auch bei der Stadt Hamm gebe. Allerdings räumt der Mediziner auch ein, dass diese Stellen häufig dramatisch unterbesetzt seien.

Gute Erfahrungen seien in Metropolen wie München mit so genannten Krisenhäusern gemacht worden. Diese würden von Betroffenen gut akzeptiert; das Angebot sei niederschwellig. „Man muss nicht gleich in eine Klinik und ist in einer Notlage nicht auf sich allein gestellt. Solche Angebote sollte es überall geben“, so der Mediziner.

Am PsychKG kritisiert er die sich teils gegenseitig ausschließenden Regelungen. „Da wäre mehr Klarheit vom Gesetzgeber wünschenswert, aber daran wird auch gerade gearbeitet“, so Juckel. Grundsätzlich bedürfe es aber keiner grundlegenden rechtlichen Reform.

Rubriklistenbild: © © Andreas Rother

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