Lippborger erinnert sich und ist enttäuscht
Als ein Nashornschädel den Kraftwerksbau verzögerte
Das Kraftwerk Westfalen ging zum Jahreswechsel vom Netz. Doch wann wurde es überhaupt gebaut? 1958 gab es hinter vorgehaltener Hand die ersten Pläne, an der Autobahn 2 nahe dem Hamm-Datteln-Kanal ein Kohlekraftwerk zu bauen und damit Industrialisierung im Umfeld zu ermöglichen.
Hamm/Lippetal - 1960 wurden sie konkret, doch sumpfiges Land rings um den dort entspringenden Geithe-Bach erschwerte das Vorhaben. Bei den vorbereitenden Erdarbeiten wurde beim Ausheben eines Grabens dann auch noch ein knöchernes Nashorn gefunden. Der 100 000 Jahre alte Schädel und ein nicht weit entfernt liegender Mammutschenkelknochen verzögerten das Bauvorhaben, dann wurde es aber doch durchgezogen. Das Richtfest fand am 21. September 1962 statt. Der Block A wurde am 6. Juli 1963 gezündet, der Block B ging am 5. Dezember 1963 ans Netz. Inzwischen kamen die Blöcke C, D und E hinzu. Jetzt werden alle stillgelegt.
„Wir sind total enttäuscht über den Beschluss, das Kraftwerk-Westfalen abzuschalten“, beklagt Hubert Grümme (78) aus Lippborg zusammen mit vielen aktiven und früheren Mitarbeitern den Beschluss der RWE-Bosse, den Standort Schmehausen dicht zu machen. „Wo soll der Strom dann herkommen, vielleicht aus Frankreich?“, fragt sich der ehemalige Mitarbeiter, denn „800 Megawatt Leistung müssen demnächst ersetzt werden, soviel etwa wie die Stadt Bielefeld mit allen Einwohnern, Gewerbe und Industrie verbraucht“.
Hubert Grümme stammt ursprünglich aus Hultrop. Der 1942 geborene Lippetaler lernte beim Soester Batterieherstellen „Akku Hagen“ den Beruf des Maschinenschlossers. Höhepunkt seiner Tätigkeit dort war ein halbjähriger Aufenthalt in der Hauptstadt des Iran. In Teheran installierte er Anfang der 70er Jahre Batterien für die Soester Spezialfirma. 1976 heuerte er dann bei VEW an und begann seine Tätigkeit im Kraftwerk-Westfalen. Hier war er unter anderem am Schaltpult für die Steuerung der Blöcke A, B und C zuständig. Grümme und seine Kollegen erlebten damals schon das Desaster um den Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR) mit. Das scheinbar geniale Projekt musste nach etlichen gescheiterten Versuchen, es dauerhaft mit Nutzen ans Netz zu bekommen, Anfang der 90er Jahre aufgegeben werden.
Sprengung des Kühlturms in 1991
Bundesweite Aufmerksamkeit erregte 1991 die Sprengung des Kühlturms. Das weithin sichtbare, gut 192 Meter hohe Monument war nach dem Prinzip des Münchner Olympiastadions aus Stahlseilen und Kunststoffplatten konstruiert worden und sollte schon zum Industriedenkmal erhoben werden. Die Unterhaltungskosten wurden aber auf jährlich mindestens eine halbe Million Mark geschätzt und daher beschloss die HKG, den Kühlturm, im Prinzip war es nichts anderes als ein dicker Luftschlauch, zu beseitigen.
Das Aus für den THTR bedeutete aber auch, dass viele Mitarbeiter von dort zum Kohlekraftwerk zurückkehrten. So wurde unter anderem auch Hubert Grümme im Jahr 1998 in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet. Doch auch noch heute hängt sein Herz an dem früheren Arbeitsplatz, und er fragt sich: Was wird aus den verbliebenen 166 Mitarbeitern? Was wird aus den fünf Kühltürmen an der Lippe? Und die Ruine des THTR dürfte wohl auch noch tausend Jahre in sich hineinstrahlen, ehe dort abgebaut werden kann.
