Kolumne vom Meteorologen Dominik Jung

Bauernregeln schüren ersten Winter-Verdacht– doch zwei Wetter-Indikatoren könnten relevanter werden

Ein kühler Oktoberstart sorgt für Spekulationen über den Winter 2025/26. Doch was steckt meteorologisch wirklich dahinter? Eine Wetter-Kolumne von Dominik Jung.

Kassel - Kaum sinken die Temperaturen, sprießen die Deutungen: „Kalter Oktober, milder Winter“ oder „frischer Herbst, harter Winter“ – unzählige Bauernregeln versuchen, aus dem Herbstwetter auf die kommende Kältezeit zu schließen. Doch wissenschaftlich betrachtet hat das wenig Fundament. Zwar reagiert die Atmosphäre träge, und großräumige Zirkulationsmuster können über Wochen persistieren, aber der einzelne Oktober allein liefert kein belastbares Signal für den Winter.

Was könnte uns der aktuelle Oktober über den kommenden Winter verraten? Ein Diplom-Meteorologe kennt die Antwort.

Statistisch betrachtet besteht zwischen der Oktober-Temperaturabweichung und der Wintertemperatur in Mitteleuropa kaum eine Korrelation. Anders gesagt: Ein kühler Herbstanfang ist meteorologisch noch kein Türöffner für Frost und Schnee im Januar.

Woher die Mythen kommen – und warum sie sich halten

Die Ursprünge dieser Wetterregeln liegen oft Jahrhunderte zurück. Damals waren Langfristprognosen reine Erfahrungswerte: Man beobachtete Naturzeichen, Vegetationszyklen oder das Verhalten von Tieren. In der heutigen, datengetriebenen Meteorologie zählen jedoch globale Muster – etwa die Meeresoberflächentemperaturen im tropischen Pazifik (El Niño/La Niña), die Stratosphärentemperaturen über dem Polargebiet oder der Zustand der Nordatlantischen Oszillation (NAO). Diese Größen beeinflussen den europäischen Winter weit stärker als das regionale Oktoberwetter. Trotzdem wirken die alten Regeln psychologisch: Der Mensch sucht Muster, wo keine sind – und interpretiert Zufälle als Zusammenhänge.

Dass der Oktober 2025 bisher unterkühlt startet, spiegelt vor allem eine Nordwestlage mit Zufuhr maritimer Polarluft wider. Die Ursache liegt in einer blockierenden Hochdruckzone über dem Atlantik, die kühle Luft nach Mitteleuropa lenkt. Diese Konstellation kann sich aber rasch ändern. Für die Wintertendenz bedeutet das: Noch keine Aussage möglich.

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Polarlichter, auch als Aurora Borealis (Nordlicht) oder Aurora Australis (Südlicht) im Bundesstaat New York.
Görlitz - Polarlichter über Sachsen zu sehen am 11.10.2024 in Görlitz
Ein Tornado über dem Gardasee.
Kim Vanaken (L) und Schwester Angela Coble (M) vor ihrem zerstörten Haus durch El Reno, Oklahoma, USA, 01 June 2013.
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Frühindikatoren wie der aktuelle ENSO-Status (eine neutrale bis leicht negative Phase deutet sich an) oder die Entwicklung des arktischen Polarwirbels in der Stratosphäre sind derzeit viel relevanter. Ein stabiler Polarwirbel würde tendenziell einen eher milden Westwinter begünstigen, ein gestörter Polarwirbel hingegen Kaltluftausbrüche – doch beides steht noch aus.

Wetter-Fazit eines Meteorologen

Der kalte Oktoberstart ist kein Orakel, sondern eine Momentaufnahme der atmosphärischen Dynamik. Für seriöse Langfristabschätzungen zählt die Großwetterlage im Spätherbst, nicht das Thermometer in der ersten Oktoberwoche. Wer jetzt also wegen der morgendlichen 3 °C schon den „Jahrhundertwinter“ wittert, sollte abwarten.

Die Wissenschaft blickt auf Ozeanzyklen, Druckanomalien und Stratosphärenkopplungen – nicht auf Nebel über der Wiese. Kurz gesagt: Der Oktober darf frostig sein, ohne dass der Winter folgen muss. Doch das Rätsel bleibt spannend – denn manchmal schreibt die Atmosphäre ihre eigenen Regeln.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa | Matthias Bein

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