Kolumne vom Meteorologen Dominik Jung
Jahrhundertwinter – oder doch keiner? Was die Modelle wirklich zum Winter 2025/26 sagen
„Eiszeit!“ oder „Alles mild!“ – beide Lager liegen falsch. Warum weder Panik noch Entwarnung im Oktober Sinn machen und was die Wissenschaft tatsächlich sagt. Eine Wetter-Kolumne von Dominik Jung.
Kassel – Kaum naht der Herbst, rollen die Schlagzeilen an: „Jahrhundertwinter im Anmarsch!“ – kurz darauf heißt es wieder „Von wegen, alles wird mild!“. Beide Behauptungen klingen spektakulär, sind meteorologisch aber kompletter Unsinn. Mitte Oktober befindet sich die Atmosphäre noch in einer hochdynamischen Übergangsphase. Anfang November wird es erst einmal ungewöhnlich mild.
Der Polarwirbel formiert sich gerade, die Nordatlantikströmung schwankt, und das Zusammenspiel von Ozeanen, Stratosphäre und Sonneneinstrahlung ist alles andere als stabil. Wer also jetzt schon sicher von einem Jahrhundertwinter oder einem Nicht-Winter spricht, ignoriert grundlegende physikalische Zusammenhänge – und die unvermeidliche Unsicherheit in der Atmosphärenphysik.
Zwischen Schlagzeilen und Realität: Was die Modelle wirklich zum Winter 2025/26 sagen
Die seriösen Langfristmodelle der NOAA und des europäischen Wetterzentrums ECMWF zeigen momentan: Die Wahrscheinlichkeit für einen eher milden Winter ist leicht erhöht. Das liegt an der noch vorhandenen El-Niño-Restphase und einem derzeit starken Polarwirbel, der Kaltluft weitgehend am Pol hält.
Aber: Das ist Statistik, keine Vorhersage! Auch wenn die Mehrheit der Szenarien mild ausfällt, bleiben einzelne kalte Ausreißer jederzeit möglich. Selbst ein strenger oder gar „Jahrhundertwinter“ hat eine – wenn auch kleine – Eintrittswahrscheinlichkeit. Diese liegt nie bei null.
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Warum absolute Aussagen falsch sind
In der Meteorologie gibt es kein „wird sicher“ und kein „wird garantiert nicht“. Wer das behauptet, versteht die Natur eines chaotischen Systems nicht. Schon minimale Änderungen in der Stratosphäre oder ein kurzfristiges Umkippen der Nordatlantik-Oszillation können das ganze Muster auf den Kopf stellen. Darum ist es wissenschaftlich genauso falsch, einen Extremwinter anzukündigen, wie ihn kategorisch auszuschließen. Beides erzeugt nur Schlagzeilen – aber keine seriöse Information.
Derzeit spricht mehr für einen milden Winter – aber das ist keine Garantie. Die Atmosphäre bleibt unberechenbar, und gerade das macht Wettervorhersage faszinierend. Wer also im Oktober schon endgültige Winterurteile fällt, verwechselt Wissenschaft mit Wunschdenken. Ein echter Meteorologe weiß: Der Winter schreibt seine Geschichten selbst – und manchmal ganz anders, als die Schlagzeilen versprechen.
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