Kolumne vom Meteorologen Dominik Jung
Wetter-Panik vor Weihnachten wegen Polarwirbel: Droht jetzt der große Frost-Hammer?
Der Polarwirbel wird erneut als Wetterorakel für Weihnachten gehandelt. Doch wo endet die seriöse Meteorologie. Eine Wetter-Kolumne von Dominik Jung.
München – Der stratosphärische Polarwirbel – ein riesiges Winterwindkarussell in etwa 20 bis 50 Kilometern Höhe über der Arktis – gilt oft als „Motor“ des Winterwetters. Doch aus seinem Zustand Ende November lässt sich das Weihnachtswetter nicht bestimmen. Die jüngste frühe Kälte mit Schnee und zweistelligen Minusgraden war Ausdruck kurzfristiger Muster in der Troposphäre, also der unteren Wetterschicht, in der unser Alltagswetter entsteht.
Die bevorstehenden milden Tage zum 1. und 2. Advent zeigen erneut, wie rasch sich diese Muster ändern. Zwar kann ein starker oder gestörter Polarwirbel die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Großwetterlagen beeinflussen, doch die Übertragung seiner Signale nach unten ist kompliziert und keineswegs zuverlässig. Wer aus dem Polarwirbel allein eine Weihnachtsprognose bastelt, ignoriert die physikalischen Zusammenhänge.
Der Polarwirbel als überschätztes Festtagsorakel: Der Polarwirbel ist nur ein Mitspieler unter vielen
Die Atmosphäre funktioniert niemals monokausal. Weitere Faktoren bestimmen unser Winterwetter mit. Dazu zählt die NAO (Nordatlantische Oszillation), ein Schwanken des Luftdrucks zwischen Island und den Azoren, das steuert, ob eher milde Westwinde oder kalte Nord-/Ostlagen auftreten. Auch die Frontalzone, also das Starkwindband über dem Nordatlantik, beeinflusst die Zugbahnen von Tiefs.
Zusätzlich wirken die Meeresoberflächentemperaturen, die bestimmen, wie viel Energie in das Wettersystem gelangt, sowie die planetaren Wellen, großräumige Luftbewegungen, die den Polarwirbel stören oder stärken können. Auch die ENSO-Phase (El Niño/La Niña) im tropischen Pazifik verändert die globale Zirkulation. Diese Prozesse wirken zusammen und können den Einfluss des Polarwirbels verstärken, abschwächen oder völlig überlagern.
Wetter-Vorhersage: Was Ende November realistisch möglich ist
Zu diesem Zeitpunkt sind nur grobe Tendenzen belastbar. Die Modell-Ensembles zeigen noch große Schwankungsbreiten, und der Übergang zwischen milden Atlantiklagen und winterlichen Blockierungen kann selbst kurz vor Weihnachten kippen. Aussagen wie, dass der Polarwirbel weiße Weihnachten bringt, ignorieren, dass all diese Faktoren miteinander verwoben sind. Seriöse Meteorologie benennt diese Unsicherheiten klar und baut keine falschen Gewissheiten auf. Der Polarwirbel ist wichtig, aber er ist nur ein Baustein in einem hochkomplexen atmosphärischen Gefüge, in dem erst das Zusammenspiel entscheidet, was am Heiligen Abend tatsächlich vor der Haustür liegt.
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